Tauwetter

Früher, in den wilden Zeiten

756. Tatort: Königskinder (RB/WDR; EA: 07.02.2010)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)
Figuren: Markus Messenburg (Oliver Stokowski), Sonja Messenburg (Christine Kutschera), Bernd Petermann (Dirk Borchardt), Edith Siemers (Bibiana Beglau), Rüdiger Wilke (Lars Rudolph), Udo Bolz (Frank Jacobsen), Adrian Plöger (Peter Kremer), Jelena Tiburski (Julia Gorr), Ratko Jacopec (Ivan Shvedoff), Timo Zeschnig (Ronnie Paul)
Drehbuch & Regie: Thorsten Näter

Es wird erneut privat am TATORT. Die Kommissarin Inga Lürsen fällt nach einem Treppensturz ihrem behandelnden Arzt in die Arme, während Nils Stedefreund mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Immerhin: Morde
Man kann dem Autor und Regisseur Thorsten Näter, der schon einige Bremer TATORTe geschrieben und inszeniert hat hat, nicht vorwerfen, mit Morden zu geizen. Zu Beginn wird die Gattin des Industriellen Markus Messenbach bei einem Raubüberfall in dessen Haus ermordet. Dem gefesselten Messenbach gelingt es, sich zu befreien, dabei erschießt er einen der Täter in Notwehr. Der Überfall in das schicke Anwesen in Bremerhaven gleicht drei zuvor begangenen Raubüberfällen. Nur die Leiche irritiert die Ermittler - und im weiteren Verlauf auch den Zuschauer, weil er nicht einordnen kann, was dieser Mord bezweckt.

Ist es die Rache Messenburgs ehemaligen Angestellten Timo Zeschnig? Wie steckte die Messenburgs in einer Ehekrise? Was verschweigt Messenburgs Sekretärin Edith Siemers? Sehr schablonenhaft wird eine Kriminalgeschichte erzählt, die zwar Spannung bietet, aber wenig begeistern kann, weil Motiven und Charakteren zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden. Einzig Bibianas Beglaus Sekretärin wird etwas konkreter gezeichnet, wenn auch klischeehaft.

Es wird - auch sehr stereotyp - eine dubiose Prostituierte in die Geschichte eingeflochten, die etwas zu wissen scheint. Doch die muss auch sterben und kann deshalb zur Klärung des Falls nicht beitragen. Mit einer Falle gelingt es Inga Lürsen, den Täter zu überführen, während Nils Stedefreund damit beschäftigt ist, mit den Schatten seiner Vergangenheit zu kämpfen.

Stedefreunds Vergangenheit
Es gehört leider zum schlechten Ton, dass Ermittler in einen Fall persönlich involviert sind. Dieses Mal ist es Lürsens Assistent, der das tote Opfer kannte. Mit Sonja Messenburg war Stedefreund einst zusammen, als er mit ihrem Bruder Bernd Petermann in Bremerhaven die Polizeischule absolvierte. Zusammen mit Edith Siemers bildeten sie eine Clique. Vom Fall wird Stedefreund nicht abgezogen, weil es von Vorteil ist, dass er sich in Bremerhaven auskennt. Außerdem soll er seine ehemaligen Kumpel Petermann daran hindern, auf eigene Faust zu ermitteln.

Lürsens Gegenwart
Nach ihrem Treppensturz beschließt Inga Lürsen Gleichmut. Sie will sich nun gar nicht mehr aufregen. Sie akzeptiert, dass ihre Tochter Helen ausgezogen ist, ohne ihr vorher Bescheid zu geben. Helen hinterlässt ihrer Mutter Paul, weil im Polizeiwohnheim keine Hund erlaubt sind. Für den Zuschauer ist das erfreulich, weil Helen weder zu sehen noch zu hören ist. Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Tochter ihre Karriere außerhalb Bremens fortsetzt. Paul hat nun kein Frauchen mehr und wird zwischen Lürsen, Stedefreund und Karlssen hin- und hergeschoben. Der gutmütige Zuarbeiter Karlssen wird so etwas wie eine Bezugsperson für den waisen Vierbeiner. Doch auch ohne Tochter hat Inga Lürsen ein Privatleben. In aller Gelassenhet verliebt sich die Kommissarin in ihren Arzt Dr. Adrian Plöger, dem sie am Schluss auch noch das Leben rettet.

Schon lange vorbei?
“Die wilden Zeiten sind schon lange vorbei”, sagt der Doktor zu seiner geliebten Kommissarin. Die guten Zeiten des Bremer TATORTs anscheinend auch, denn der dritte schwache Fall nacheinander legt diese Befürchtung nahe.”Königskinder” hat wenig TATORT-Qualitäten, bisweilen driftet er sogar ins Pilchereske ab. Doch dafür gibt es im ZDF parallel zur TATORT-Sendezeit einen eigenen Platz. Einzig die Bilder aus Bremerhaven können gefallen.
Die inzwischen schon regelmäßige persönliche Verknüpfung der Kommissare in ihre Fälle ist keine Garantie für eine gute Geschichte. Diese Folge beweist das eindrucksvoll.

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus, Radio Bremen
Meinungen: Tittelbach.tv, Tatort-Forum

BL 09/10 #21: Arroganz und Schmach

Ich finde nicht, dass wir gut Fußball gespielt haben. Ich bin sehr böse. Wir haben arrogant gespielt.

Der Trainer hat gesprochen. Arjen Robben hat es wohl schon geahnt, denn er verzichtete diesmal darauf, nach seinem frühen Tor seinen Vorgesetzten anzuspringen. In der 2. Halbzeit hat man wirklich nicht viel gesehen, aber ich hatte nicht den Eindruck, daß mehr notwendig gewesen wäre. Dennoch sprang der achte, ungefährdete Sieg am Stück heraus.
Zugegeben, die sich und ihre Form suchenden Wolfsburger waren nicht wirklich ein ernstzunehmender Maßstab. Die Abwehr ist ein Schatten ihrer selbst. Letzte Saison hätte ein van Buyten nicht so sträflich alleine im Strafraum stehen und können und in aller Ruhe den Kopfball zum 2:0 einnicken können. Der gutmütige Franke Lorenz-Günther Köstner wird wohl froh sein, wenn er von der Herkules-Aufgabe, diese Mannschaft wieder auf Vordermann zu bringen, erlöst wird. Aber das ist nicht unser Problem.

Auf leichtfüßige wurde die Vorjahresschmach zwar nicht vergessen gemacht, aber wenigstens relativiert. Auch Grafites unnötiges Tor, bei dem Abwehr wieder nicht gut aussah, ändert daran nichts. Dabei fällt auf, daß van Gaal die Mannschaft auch personell gehörig umgebaut hat. Mehr, als man vor der Saison vermuten konnte. Nur vier Spieler - Lahm, van Bommel, Schweinsteiger, Ribéry - standen letzte Saison auch beim 1:5 auf dem Platz. Spieler wie Butt, Demichelis, van Buyten, Klose waren verletzt oder saßen auf der Bank. Acht in der Vorsaison eingesetzte Spieler sind gar nicht mehr im Verein. Wolfsburg hingegen trat bis auf drei Ausnahmen mit der gleichen Mannschaft an.

Louis van Gaal macht es jedoch nicht verkehrt. Die Mannschaft nach so einem Spiel wachzurütteln, ist richtig. Zu leicht funktioniert es derzeit, der Weg zur Arroganz und Selbstgefälligkeit ist nicht weit. Damit dürfte es sam Samstag erst einmal vorbei sein, denn Dortmund ist eine unangenehm zu spielende Mannschaft, die vor allem defensiv besser sortiert ist, als es die letzten Gegner waren.

Bemerkenswert ist auch, daß es bei van Gaal so etwas wie Unantastbare gibt, die vor der Saison niemand auf der Rechnung hatte. Thomas Müller ist so einer, der fast immer durchspielt. Seine taktische Flexibilität und gute Schulung - der Pass zu Robbens 1:0 war zum Zungeschnalzen - erspart ihm die Auswechslung, die der felißige, aber manchmall irrlichternde Olic häufig bekommt. Sollte Franck Ribéry mal wieder von Anfang an spielen, wird der Kroate wohl auf der Bank Platz nehmen müssen; vermutlich nächsten Samstag gegen Dortmund.

Kommenden Mittwoch ist mal wieder Pokal; Gegen Greuther Fürth bietet sich für den einen oder anderen Bankdrücker (Klose!) die Gelegenheit, mal wieder von Anfang an zu spielen.

S und ich

Im März letzten Jahres wurde die Variobahn dem nicht zahlenden Publikum vorgestellt, neun Monate später wurde sie erstmals eingesetzt. Eine schwere Geburt also…

Eine ebenso schwere Geburt waren die Bemühungen des Stadtneurotikers, in dem Fahrzeug endlich einmal Platz zu nehmen. Zwei Monate und diverse Anläufe waren dazu nötig.
Heute ist es mir endlich gelungen, nachdem ich rund anderthalb Stunden die Dachauer Straße auf und abgefahren bin, um das Fahrzeug endlich einmal zu erwischen. Die Chance, meine Jungfernfahrt zu unternehmen, hat sich bereits zu Beginn um 50 Prozent minimiert, weil ein Fahrzeug vorzeitig einrücken musste. Die leiderprobten Fahrgäste zwei Züge davor nahmen die Störung mit Humor: “Des werd de Türschdeierung bei der neien Trambahn sei.”

Es ist mir dann doch gelungen, das Fahrzeug von innen zu sehen und damit zu fahren.
Es knirscht ziemlich im S-Wagen, zumindest in dem Wagen, in dem ich fuhr (2302). Über die Weichen scheppert er, vor allem dann wenn die Bahn am Hauptbahnhof in die Prielmayerstraße abbiegt. Die ausführliche Fahrgastinformation im Fahrzeug ist auf den ersten Blick ziemlich beeindruckend, aber nicht nötig. “Connections” werden eben nicht immer gebraucht.

S und ich werden noch die eine oder Fahrt miteinander unternehmen. Aber an P kommst Du wohl nicht ran…

Ich wäre gestorben

Eigentlich wollte ich morgen über einen Auftritt von Gerhard Polt bloggen. Es ist bekanntlich nicht einfach, Karten für seine Audienzen zu bekommen. Man muss lange im Voraus planen. Aber der Besitz einer Karte garantiert nicht, daß dieser Abend auch wirklich stattfindet. Das wiederum liegt nicht am auftretenden Künstler (wir sprechen hier nicht von Pete Doherty), sondern am Veranstaltunsgort:

Nach Prüfung von abgehängten Gipskartondecken in der Stadthalle durch Sachverständige für Trockenbau werden alle Tagungs- und Veranstaltungsräume der Stadthalle Germering ab sofort bis auf Weiteres gesperrt. Wir bedauern, dass alle Veranstaltungen in der Stadthalle bis zum Abschluss der erforderlichen Sicherungsmaßnahmen entfallen müssen und bitten hierfür um Verständnis. (Stadthalle Germering)

Ich weiß nicht, ob es am Winter liegt, oder anderweitiger Baupfusch dieser noch jungen Halle zugrunde liegt.

Aber die nachträgliche Aussicht (welch ein wunderbarerer Widerspruch), bei einem Auftritt von Gerhard Polt zu sterben, hätte schon etwas gehabt.

Aber wenn’s denn sein muss: dann lese ich halt…

(Link: YouTube)

BL 09/10 #20: Die Wundertüte zum Zurücklehnen

FCB - FSV Mainz 05 3:0

Nein, ich habe das Spiel nicht gesehen; ab der 30. Minute habe ich es im Radio verfolgt. Sehr entspannt.
So entspannt wie letzte Woche, vorletzte Woche, …

Zurücklehnen
Die Mannschaft verzweifelt nicht, wenn sie eine Fahrkarte nach der anderen schießt. Selbst einen verschossenenen Elfer kann ich gelassen zur Kenntnis nehmen, weil die Mannschaft spätestetens in der zweiten Halbzeit den Sack zumacht.
Es gibt einen Spielaufbau. Jeder weiß, was er zu tun hat und wird entsprechend positioniert. Bastian Schweinsteiger scheint die neue Form der Unantastbarkeit in der Zentrale gut zu tun. Er steigert sich von Spiel zu Spiel.
Edson Braafheid soll ausgeliehen werden.

Beunruhigend
Wo ist der Heiland? Ah! Rechts! Zur Zeit ist das Arjen Robben, dem meistens auch etwas einfällt und seine Mitspieler gut in Szene setzt. Louis van Gaal tut ganz gut daran, Franck Ribéry noch zu schonen.
Dennoch ist diese Abhängigkeit von ihm beunruhigend, denn wenn es mal einer Mannschaft gelingt, ihn kaltzustellen, könnte es eng werden.

Wundertüte
Nein, diese Abwehr überzeugt immer noch nicht. Sie kann aber auch nicht glänzen, weil einfach der Maßstab fehlt. Die Mainzer Auftritte im Münchner Strafraum sahen sehr zufällig aus und endeten mangels Anspielbarkeit im Nichts. Zum Glück hat Martin Demichelis auch von Gaals Zaubertrank getrunken, ansonsten wäre er wohl nach dem Ellenogenstoß von Bance ausgerastet und für den Rest weder ansprech- noch anspielbar gewesen. Aber vielleicht war es dem Argentinier auch einfach nur zu kalt, wer weiß das schon?
Vorne ist auch nicht alles wunderbar. Mario Gomez findet sich inzwischen besser zurecht und rennt nicht mehr so oft ins Abseits, was aber aber auch an den bisher schlecht organisierten Abwehrreihen der Rückrundengegner liegen kann.

Ausblick
Nächste Woche geht es nach Wolfsburg. Auch wenn Lorenz-Günther Köstner, wie man aus seiner erfolgreichen Zeit in Unterhaching weiß, Beton anrühren kann, bietet dieses Spiel keinen Anlass zur Beunruhigung. Die Motivation dürfte nach dem letztjährigen 1:5 (inklusive Tor des Jahres) groß genug sein, um dort nichts anbrennen zu lassen. Daß Bayer Leverkusen immer noch Tabellenführer ist, sollte ebenfalls motivierend sein.
Wenn sich Robben beim Ausziehen seiner langen Unterhosen keine Bänderdehnung zuzieht und vielleicht auch noch Ribéry länger als 30 Minuten spielen kann, werden die Autostädter ein Déjà-vu erleben.

…und sonst
Zechbauer sah “Die totale Dominanz”.

Der Mantel und die Hausschuhe

An die Röcke an meinem Körper hat sich mein Umfeld inzwischen gewöhnt. Ich mich auch. Manchmal führt das so weit, daß ich gar nicht weiß, was ich gerade trage und auf die Nachfrage, warum ich heute Hosen trage, mit Stammeln reagiere.

Mittlerweile muss ich mich schon zu anderen, wesentlich unverfänglicheren Bekleidungsstücken äußern, auf die ich kaum eine zufriedenstellende Antwort weiß.

So wurde ich in den vergangenen drei Tagen zu einem Mantel befragt. Vor meinen Augen wurde spekuliert, daß dieses Stück, daß eigentlich nur schwarz ist und in der Oper ohne Schamgefühle an der Graderobe abgegeben werden kann, von BOSS sein muss. Was für ein wasserabweisendes Material enthalte, weil er so interessant glänzt. Woher ich ich denn den habe. Daß ich das gute Stück für 15 Euro in Berlin in einem Second Hand-Laden erstanden habe, erzeugt großes Erstaunen. (Das Stöbern in Berlin macht in der Tat mehr Spaß als in München.)

Ähnlich verhält es sich mit den neuen Hausschuhen, die ich seit vorgestern an meinem Arbeitsplatz trage. Vom spöttischen “Er hat neue Hausschuhe” (die seit Jahren heruntergekommenen Deichmann-Birkenstocks waren schon seit Jahren unhaltbar und -tragbar) innerhalb des Teams einmal abgesehen, erregen auch sie Aufsehen.
Sie sind orange. Es sind Crocs. Also nichts Besonders.
Dennoch werde ich häufig darauf angesprochen.
Orange ist meine Farbe, und ein Kollege hat schwarze Crocs. Verwechslungen im Schuhregal will ich vermeiden, und weiße werden so schnell dreckig. Sie korrespondieren natürlich nicht mit einem roten Pullover. Aber wir sind doch dort ein wenig daheim.

Ich habe noch eine lilafarbene Schneehose, die ich seit Tagen in der Hoffnung, mit der Bande endlich Schlitten fahren zu können, mit mir rumschleppe.
Ich bin auf alle möglichen Fragen und Äußerungen dazu gespannt…

Lehrkörper: Die Lehrprobe

Die Reihe “Lehrkörper” findet eine lange, annähernd zwei Jahre geplante, und dennoch überraschende Fortsetzung.

Besucht man eine Seminarschule, hat man im Laufe einer Gymnasialkarriere nicht nur sehr viele Lehrer, sondern auch sehr viele Referendare. Sie kommen unangekündigt zur ersten Unterrichtsstunde des neuen Schuljahres oder im Laufe des zweiten Halbjahres, wo sie zu Beginn sehr zahlreich am hinteren Ende des ohnehin schon engenen Klassenzimmers auf Klappstühlen dem Untericht ihres Seminarlehrers aufmerksamer als die Schüler lauschen. In der letzten Reihe sitzend hat man die notwendige Nähe, den noch euphorisch wirkenden Lehrnachwuchs genauer zu begutachten. Es sind rein optische Kriterien, die relevant sind.

Nach einigen Wochen wird eine dieser angehenden, jungen und unverbrauchten Lehrer auf die Klasse losgelassen. Geht man nach dem Aussehen, haben wir in der 11. Klasse nicht das große Los gezogen. Wir nannten sie Waldschrat. Tiernamen waren in der Klasse recht beliebt: eeine andere Referendarin nannten wir Pudel. Ihre Aussprache orientierte sich eher am Bavarian Kitchen English, als am feinen Oxford. “Nau juh gett jur Schulaufgabe”, war einer ihrer unvergesslichen Sätze. (Ihre miserable Phonetik wurde nur von einer aus Siebenbürgen zugezogenen Referendarin übertroffen, deren Deutsch schon kaum zu verstehen war.)
Ihr Unterrichtsaufbau orientierte sich am vorgegebenen Schema des Seminarlehrers und war dementsprechend langweilig. Im Gegensatz zu ihrem Lehrmeister ersparte sie uns ordinäre Details aus dem Privatleben. Opponiert haben wir dagegen nicht, weil wir nicht mehr in der 9. Klasse waren. Wir langweilten uns einfach. Wir wurden unsanft aus unerem Tiefschlaf geweckt, als sie stolz verkündetete, daß sie in unserer Klasse ihre Lehrprobe abhalten dürfe. Natürlich sei es wichtig, daß wir uns an diesem Tag eifrig am Unterrichtsgeschehen beteiligen, und sie werde sich erkenntlich zeigen, wenn wir ihrer Aufforderung folgten. Wir sicherten ihr zu, daß sie sich auf uns verlassen könne, konnten die Euphorie aber nicht mit ihr teilen.

Ich glaube, daß es es ein trister Montag war, als sie ihren großen Auftritt hatte. Zwei Seminarlehrer und der kleinwüchsige Direktor nahmen in der letzten Reihe auf Klappstühlen Platz, zückten ihre Notzblöcke und schauten sehr ernst.
Sie, der Waldschrat, erschien in einem gold glänzenden Kleid, das ihr Aussehen noch mehr karikierte. Es reichte fast bis zum Boden, hatte keine Ärmel, und auf den hochhackigen Schuhen konnte sie kaum laufen. Höflich, wie wir waren, ließen wir uns die Irritation nicht anmerken. Sie baute auf dem Pult ein Gerät auf, das selbst zu Beginn der 90er Jahre kaum einer mehr zuhause hatte: einen Radio-Kassetten-Rekorder. Recht nervös begann sie ihre Lehrprobe. Nach der gehaspelten Einführung spielte sie Sydney Youngbloods “If Only I Could”, ein Song der damals im Radio rauf- und runtergespielt wurde, ab.

(Link: YouTube)

Sie verteilte den Songtext, und wir sprachen eine Stunde engagiert über Völkerverständigung und Vorurteile. Dankbar darüber, mal nicht mit Frontalunterricht abgespeíst zu werden, waren die Wortmeldungen weit über dem Durchschnitt. “Poltical correctness” war als Begriff damals noch unbekannt, aber diese Stunde lief nicht nur inhaltlich unter diesem Motto ab.
Nach der dreiviertel Stunde verließen die beurteilenden Lehrkörper etwas irritiert das Klassenzimmer. Sie hinterließen eine ebenfalls irritierte Klasse, weil diese Form des Unterrichts die große Ausnahme war. Sie wurde eigentlich nur bei Lehrproben geboten.

Sie bekam eine Zwei.

Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war der Waldschrat genauso eine Eintagsfliege, wie es Sydney Youngblood war.

Lehrkörper (1): “Das ist mir zu vage.”
Lehrkörper (2): “Tace! Hoit’s Mai!”

Nachtrag, 29.01.2010
Einen Tag, nachdem ich diesen Artikel veröffentlicht habe, erzählt mir eine Kollegin von einer Bekannten, die in diesen Tagen ihr Referendariat am OvMG beginnt…

(Bild: Gerhard Elsner/Wikipedia Commons)

Sechsstellig

Herzlichen Dank fürs fleißige Lesen und Kommentieren auf den neurotischen Seiten!
Ich werde mich weiterhin bemühen, Lesenwertes zu schreiben.

Wahnsinn! Eine Homestory!

Ich habe keine Ahnung, ob sich die Anfrage von Frau B. und Nathalie nur an die Damenwelt richtete. Betont wurde es nicht, deswegen gibt’s auch von mir eine “Homestory”.

  1. Ich heiße nicht so. Aber ich bin einer.
  2. Ich mag Pseudonyme.
  3. Ich war mal in Vanessa Paradis verliebt.
  4. Ich habe mich fürchterlich dafür geschämt.
  5. Wenn ich mir anschaue, wer sie bekommen hat, kann mein Geschmack damals so schlecht nicht gewesen sein.
  6. Nicolette Krebitz finde ich heute noch begehrenswert.
  7. Ich esse alles außer Oliven und Rosinen
  8. Feigen und Datteln schmecken mir auch nicht.
  9. Ich bin ein dankbarer Esser und mache den Teller meistens leer.
  10. Bei Wasser bin ich anspruchlos; ich begnüge mich dem aus der guten Münchner Leitung.
  11. Ansonsten gerne getrunken: Rotwein, Bier und Johannisbeerschorle.
  12. Pappsüßes wie Cola oder Spezi vertrage ich nur nach einem Kater.
  13. Den Kaffee hätte ich bitte gerne als Espresso oder Cappuccino.
  14. Und bitte nicht aus dem Vollautomaten!
  15. Gerne auch mit Amaretto verfeinert.
  16. Und dazu natürlich eine Zigarette.
  17. Ich bin ohne Bekenntnis, also ein Heide.
  18. Ich habe aber an einer katholischen Schule meine Ausbildung gemacht.
  19. Zu einer Osterfeier wurde dort “Life of Brian” gezeigt.
  20. Meine hand sind lang und dünn.
  21. Ich habe sie von Mutter und Großmutter geerbt.
  22. Die Optik täuscht: Ich habe zwei linke Hände.
  23. Historische Person? Ich glaube, irgend so ein Surrealist wie Luis Buñuel oder René Magritte.
  24. Ein Lieblingsessen habe ich nicht. Dafür esse ich zu gerne unterschiedlich.
  25. Ich gehe gerne auf den Berg. Der Blick von oben ist ein Gefühl Freiheit.
  26. Ich flaniere auch gerne am Meer. Der Blick in die Weite ist wunderbar.
  27. Ich liebe mein Millionendorf.
  28. Ob es schönste Stadt ist?
  29. Rom und Wien sind auch wunderschön
  30. Aber ich mag auch so durchgeknallte Städte wie Brüssel.
  31. Ich bewege mich zwischen Melancholiker und Phlegmatiker.
  32. Gepaart mit Pedanterie und Chaos.
  33. Ich glaube, das ist für andere sehr anstrengend.
  34. Ich bin ein Arhythmiker.
  35. Für den Anfang würde mir schon ein Walzer reichen.
  36. Pogo kann man auch alleine tanzen.
  37. Ich liebe Taschen, Kappen und Schuhe.
  38. Und Röcke.
  39. Ich hatte noch kein Auto.
  40. Ich habe ja noch nicht einmal einen Führerschein.

Wer mag noch?

 1 2 3 4 5 6 7 8 ...94 95 96 >>